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Stadtbrand in Reinerz

Lithographie Reinerz im Jahr 1737
Lithographie von Friedrich August Pompeius: Reinerz aus der Vogelschau von 1737

Um ca. 11:45 Uhr am Vormittag des 23. Juli 1844 entstand ein Feuer, welches sich rasch ausbreitete. Laute Rufe alarmierten die Einwohner. Schnell standen schwarze Rauchwolken über der Stadt. Der Apotheker Tautz rannte mit der tragbaren Feuerspritze zum Brandherd und musste erschrocken sehen, wie ein Teil des Rathausdaches in vollen Flammen stand. Aufgrund großer Hitze und herabfallender Dachschindeln musste er sich nach erfolglosen Löschversuchen wieder zurückziehen.

Er berichtet: „Bald loderte die ganze Seite des Dachstuhls, und ergriff den alten holzreichen Thurm. Zwölf Uhr schlug die alte Uhr schon nicht mehr, sondern die hohe Flamme verteilte sich bei dem heftigen Sturme über mehrere Bürgerhäuser und diese immer eins dem andern mit.“

Gegen 1 Uhr brannte das Dach und der Glockenturm der Pfarrkirche St. Peter und Paul: Die Glocken schmolzen, nur die mittlere Glocke stürzte vom Turm herab und blieb ganz.

Apotheker Tautz berichtet weiter: „Von der Kirche zündete auch sogleich der Pfarrhof mit sämtlichen Nebengebäuden, als Stallungen, Schuppen und Brauhäusel. Ebensogleich brannten auch die beiden Schulgebäude”.

Ganz Straßenzüge standen gleichzeitig in Flammen. Innerhalb von nur 2 Stunden versanken 67 Gebäude in Schutt und Asche.

Hinter dem Pfarrhof kam das Feuer zum Stehen. Daher blieb wie durch ein Wunder das alte Holzhaus des Anliegers Ferdinand Kuschel erhalten.

Schneidermeister August Strauch rettete unter Lebensgefahr die Innungslade. Die darin enthaltenen alten Urkunden, Trinkbecher, monetären Innungsbeiträge und wertvolles Gerät blieben so erhalten. Das Pfarr-Archiv wurde dagegen leider fast ganz zerstört. Auch die Partitur einer von Felix Mendelssohn Bartholdy hier komponierten Messe verbrannte.

Der wohlhabende Bürger und Gerbermeisters David Heinold, Eigentümer eines Hauses und einer Rotgerberei, kehrte 8 Tage nach dem Brand aus Breslau nach Hause zurück. Zu diesem Zeitpunkt war die Glatzer Straße nicht mit dem Wagen befahrbar. Das Pflaster war noch immer zu heiß. Heinold grub später einen großen Batzen geschmolzenes Silber aus dem Brandschutt seines Hauses heraus.

Lediglich in einem der Berichte zum Stadtbrand wird ein Todesopfer erwähnt: Ein herbeigeeilter Helfer aus Keilendorf soll laut einer Familienüberlieferung umgekommen sein. Im Kirchenbuch werden jedoch keine Todesfälle auf den Brand zurückgeführt. Allerdings ereignete sich am 2. August um 7 Uhr abends ein Unglücksfall, der vermutlich mit den Aufräumarbeiten in Verbindung stand und zwei Menschen das Leben kostete. Beim Einsturz eines Giebels wurden der 36jährige bürgerliche Tagarbeiter Franz Leister und der 19jährige Tagewerkersohn Joseph Aulich verschüttet. Beide starben “an dessen Folgen einige Stunden darauf unter heftigsten Schmerzen”. (Kath. KB Beerdigungen Nr. 127/1844 und Nr. 128/1844).

Feuerversicherungen wurden erst ein paar Jahre später üblich. Die Opfer des Brandes waren von einem Tag auf den anderen obdachlos und von Armut bedroht. In Reinerz sah es furchtbar aus.

Für den Wiederaufbau von Kirche, Pfarrhof und Schule stellte man am Kirchenportal Spendenbüchsen auf. 21 Thaler und 4 Silbergroschen kamen hier durch Spenden zusammen.

Pfarrer und Magistrate riefen in den Zeitungen überregional zu Spenden für die Brandgeschädigten auf. Überschwemmungen und Brandkatastrophen waren zur damaligen Zeit keine Seltenheit. In ein und derselben Zeitungsausgabe konnte gleichzeitig für drei oder mehr Spendenprojekte aufgerufen werden.

Spendenaufruf in der Zeitung
Der Bote aus dem Riesengebirge, No. 33, Hirschberg, Donnerstag den 15. August 1844

In anderen schlesischen Orten wurden Wohltätigkeits-Konzerte gegeben, Spenden gesammelt und Pakete mit nützlichen Gegenständen abgegeben. Die Spender mit der Art ihres Beitrages wurden oft in den Zeitungen namentlich genannt. Zur gleichen Zeit wurden nicht nur Spenden für Reinerz gesammelt, sondern auch für mehrere andere Ortschaften. So wurden beispielsweise am 20. Juli 1844 in Landeshut 143 Familien ebenfalls durch ein Feuer obdachlos.

Liste einiger Spenden in der Zeitung
Breslauer Zeitung, No. 186, Sonnabend 10. August 1844

Bis nach Berlin war die Kunde von dem großen Unglück vorgedrungen. Am 30. August 1844 besichtigte König Friedrich Wilhelm IV. die Brandstellen und versprach Hilfe. Tatsächlich bewilligte er per Cabinets-Ordre zum Bau der katholischen Kirche, der Pfarrgebäude und des Schulhauses 2.000 Reichstaler als „beihilfliches Gnadengeschenk“ (dies entspricht ungefähr einer heutigen Kaufkraft von 80.000€).

Lithographie Pfarrkirche Reinerz ca. 1862
Lithographie von Friedrich August Pompeius: Kirche St. Peter und Paul in Reinerz ca. 1862

Die Stadtväter und die Bürgerschaft baute mit Mut und großem Einsatz die zerstörten Gebäude wieder auf. Apotheker Tautz, der direkt neben der Pfarrkirche wohnte (später befand sich dort die Pohl’sche Buchdruckerei) ließ eine Gedenktafel mit dem folgenden Text anbringen:

„Am 23. Juli 1844 brannten allhier 67 Häuser ab, darunter auch dieses. Erst im Jahre 1854 wurde dieses Haus Nr. 65 wieder aufgebaut von Franz Tautz, Apotheker.”

Panorama von Reinerz c.a 1880
Panorama von Reinerz (ca. 1880)

Quellen:

Paul Dengler: Geschichte des Bades Reinerz. Reinerz (1903)

Carl Dinter, Richard Nowotny (Hrsg.): Bad Reinerz – Ein Buch der Geschichte und Erinnerung. Lippstadt (1953)

Carl Häusler: Geschichte der Schützenbruderschaft Reinerz von 1580 – 1930. Zur Feier des 350jährigen Bestehens der Schützenbruderschaft Reinerz. Reinerz (1930)

Grofschoaftersch Häämtebärnla 1970, Seite 102

2 Antworten auf „Stadtbrand in Reinerz“

Hallo Astrid, danke für den tollen Bericht. Da ich in Reinerz forsche habe ich mich besonders gefreut. Ich hatte das zum Teil vom Apotheker Tautz gelesen aber deine Zusammenstellung ist schon sehr informativ. Ich denke da muss man die Alten Schriften gut lesen können. Nochmals vielen Dank.
Gruß Friedbert

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