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Grafschaft Glatz

Fastenzeit

Teller mit Mini-Tomate

In der Zeit von Aschermittwoch bis Ostern üben sich viele Menschen im Verzichten. Heutzutage liegt der Focus weniger auf einem gottgefälligen Leben, sondern es geht darum, bewusster zu leben, sich neu zu orientieren und eingefahrene Gewohnheiten infrage zu stellen. Verzicht auf Fleisch, Süßigkeiten, alkoholische Getränke, Fernsehen oder Handy – jeder entscheidet individuell für sich selbst, was Bestandteil dieser “Auszeit” sein soll.

Außerdem reflektiert man vielleicht, dass Menschen in der Nachbarschaft, an anderen Orten auf der Welt und zu anderen Zeiten in der Geschichte dieses Glück nicht haben bzw. hatten.

In dem Gedicht aus dem Jahr 1947 dauerte die „Fastenzeit” deutlich länger und war alternativlos.

Die Kalorien.

Mer laaba wie de Heilja etz
On tuun ons stoark eim Fasta ieba,
Mer hoan Katoffan jeda Taag
On monchmool Kraut on monchmool Rieba.

Ma hoot warhaftich goar känn Spaaß
Oa daam Gefrasse on Gekoche,
Der Speisezeedel bleit bestiehn
De ganze liebe, lange Woche.

Zum Truuste sprecht die Schmidt Marie
Zum Moane emmer ver’m Assa:
„Do drenne sein halt Kalorien,
Doas därf ma ääben nee vergassa!”

Schmidt, – woas der Moan ies, – häärt sich doas
Gedoldich oa seit viela Wocha, –
Doch etz amool, doo woar ‘ne Laus
Of Schmidtas Laaber remgekrocha.

Doo määnt a, – wie se wieder redt’ –
Verbuußt on kurz zu seiner Aala:
„Tuu äänzlich vo daan Kalorien
Nee emmer gruuße Reda haala!

Ich mechte etz om liebsta hoan
A Stecke Schweinaflääsch, recht fette:
On wenn’s datt drenne – ganz ägaal, –
Kää äänzije Kalorie nee hätte!”

von Georg Hartmann (1887 – 1954) aus:
Quetschkatoffan on Puttermelch, Gedichte in Glatzer Mundart

Und die „Übersetzung”, die sich sogar auf Hochdeutsch noch reimt:

Wir leben wie die Heiligen jetzt
Und tun uns stark im Fasten üben,
Wir haben Kartoffeln jeden Tag
und manchmal Kraut und manchmal Rüben.

Man hat wahrhaftig gar keinen Spaß
an dem Gefresse und Gekoche,
Der Speisezettel bleibt bestehn
Die ganze liebe, lange Woche.

Zum Troste spricht die Schmidt Marie
Zum Manne immer vor dem Essen:
„Da drinne sind halt Kalorien,
Das darf man eben nicht vergessen.”

Schmidt, – was der Mann ist, – hört sich das
Geduldig an seit vielen Wochen, –
Doch jetzt einmal, da war ‘ne Laus
Auf Schmidtens Leber rumgekrochen.

Da meint er, – wie sie wieder redet –
Erbost und kurz zu seiner Alten:
„Tu einzig von den Kalorien
nicht immer große Reden halten!

Ich möchte jetzt am liebsten haben
Ein Stück Schweinefleisch, recht fett:
Und wenn’s dort drinne – ganz egal, –
Keine einzige Kalorie nicht hätt’!”

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