
Gemälde von M. Friese 1929, Öl auf Leinwand
Bei unserem Besuch in Glatz während unserer Jubiläumsreise Mitte Juni sahen wir zahlreiche Bilder und Exponate in Museen und Archiven. Eines der Bilder in einem kleinen Nebenraum zeigte den ersten Bürgermeister der Stadt Glatz Franz Ludwig. Außer dem kleinen Schild mit der Nennung des Malers und der Jahreszahl 1929 als Entstehungsjahr des Ölgemäldes, gab es zu seiner Person keinerlei zusätzliche Informationen.
Was kann man fast 100 Jahre später über die Herkunft von Franz Ludwig herausfinden?
Wie Dr.-Ing. Dieter Pohl in seinem Buch „40 Jahre Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz in Schlesien 1906–1946“ schrieb, war er „ein äußerst rühriger Mann, der sich um die Verwaltung und das Sozialwesen der Stadt Glatz höchst verdient gemacht hat. Vor allem in den Notzeiten des ersten Weltkrieges und in den Jahren danach war er vorbildlich für die Glatzer Bürger tätig.“ Er gehörte der katholisch geprägten Zentrumspartei an. Seit 1904 bekleidete er zunächst das Amt des Zweiten Bürgermeisters, von 1915 bis zu seiner Absetzung im Jahr 1933 durch die NSDAP war er Erster Bürgermeister von Glatz.
Mitte April 1933 wurden die Bürgermeister der Stadt durch die SA zum Rücktritt gezwungen. Die “Schlesische Tagespost” schrieb dazu: Gegen Mittag erschien in dem Rathause in Glatz eine SA-Patrouille und forderte den Ersten Bürgermeister Ludwig und Bürgermeister Goebel zur sofortigen Amtsniederlegung auf. Sofern sie nicht bis ein Uhr die Diensträume verlassen hätten, sollten sie in Schutzhaft genommen werden.
Mehrere Magistratsbeamte, die beiden Geschäftsführer der Ortskrankenkasse, ein Polizeikommissar und weitere Personen, meist Mitglieder der Zentrum-Partei wurden ebenfalls “beurlaubt”. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Fischkaufmann Köhler, setzte man interimsweise als Ersten Bürgermeister ein. Bürgermeister Ludwig erhielt auf telefonische Rückfrage bei der Breslauer Regierung den Rat, keinen Wiederstand zu leisten und Urlaub zu beantragen. Man war wohl auch dort vom vermutlichen Alleingang der SA-Gruppe völlig überrumpelt worden und wusste keine Lösung. Ein paar Tage später wurden die Zwangsbeurlaubungen zum Teil rückgängig gemacht. Beide Bürgermeister hätten ihre Amtsgeschäfte wieder aufnehmen können. Franz Ludwig war jedoch so geschockt, dass er mit dem Hinweis auf sein Herzleiden die Pensionierung beantragte. Der Zweite Bürgermeister Konrad Goebel übernahm die Amtsgeschäfte.
Ein besonderer Glücksfall ist es, dass Franz Ludwig 1944 seine „Jugenderinnerungen eines alten Grafschafters“ in den „Glatzer Heimatblättern“ veröffentlichte. Daraus lassen sich viele Informationen herausfiltern und für weitere Nachforschungen nutzen (auch ein paar Einwohner der Orte werden genannt).
Geboren wurde Franz Ignatz Dismas LUDWIG am 9.04.1872 in seinem Vaterhaus bei der Kirche in Schreckendorf, Kreis Habelschwerdt (Kath. Kirchenbuch Schreckendorf Geburten Nr. 39/1872), ein Dienstag, wie sein Vater in seinem Tagebuch vermerkte.
Der Vater hatte in drei Ehen 18 Kinder gezeugt, von denen nur 4 am Leben blieben: Franz und drei Halbschwestern. Nur acht Wochen nach der Geburt des Sohnes verstarb der Vater.
1. Ehe mit Francisca KARIGER (8 Kinder)
Ignatz Ludwig wurde am 16.03.1817 geboren. Seine Eltern waren der Seitenberger Freihäusler und Garnhändler Christoph Ludwig (geb. 28.02.1790 in Ullersdorf bei Grulich) und Maria Dittert aus Tschihak. Er starb am 8.06.1872 in Schreckendorf an einer schweren Lebererkrankung (Kath. KB Schreckendorf Bestattungen Nr. 33/1872)
Francisca Constantia Elisabeth KARIGER wurde am 11.03.1813 in Schreckendorf geboren (Kath. KB Schreckendorf Taufen Nr. 26/1813). Sie starb am 14.05.1852 in Seitenberg an einer Leberkrankheit.
Alle Kinder wurden in Seitenberg, Kreis Habelschwerdt geboren und starben dort (Kinder 1-7):
Kind 1) Ein totgeborenes Mädchen am */+ 3.12.1836
Kind 2) Anna * 10.10.1837 / + 20.10.1837 (Epilepsie)
Kind 3) Francisca * 10.10.1837 / + 19.10.1837 (Epilepsie)
Kind 4) Julius Franz * 3.12.1838 / + 1.02.1839 (Krämpfe)
Kind 5) Eduard Clemens * 29.12.1842 / + 21.01.1843 (Epilepsie)
Kind 6) Joseph Aloys * 27.05.1844 / + 20.01.1845 (Am Schlage)
Kind 7) Aloys Hubert * 4.04.1846 / + 2.03.1847 (Gehirn-Wassersucht)
Kind 8) Francisca Philomena * 21.01.1848
2. Ehe mit Theresia HAUCK (7 Kinder)
Theresia HAUCK wurde ca. 1828 in Neudorf, Österreichisch Schlesien geboren.
Sie starb am 14.10.1866 an einem nervös gastrischen Fieber (Kath. KB Schreckendorf Bestattungen Nr. 80/1866).
Ab 1860 wurden die Kinder in Schreckendorf geboren. Der Vater hatte sich dort bei der Kirche ein neues Haus gebaut und war nun hier als Kaufmann tätig.
Kind 9) Ein Junge * / + 25.07.1854 (Folge schwerer Geburt)
Kind 10) Ein Mädchen * / + 8.08.1856 (während der Geburt gestorben)
Kind 11) Ein Junge * / + 3.09.1857 (während der Geburt gestorben)
Kind 12) Ernestine Maria * 2.03.1859
Kind 13) Maria Theresia * 31.03.1861
Kind 14) Richard Ignaz Hubert * 6.02.1863 / + 30.08.1863 (An Krämpfen)
Kind 15) Agnes * 20.09.1864 / + 22.10.1866 (An Krämpfen)
3. Ehe mit Magdalena KLAPPER (3 Kinder)
Magdalena Klapper wurde am 15.08.1838 in Niederschwedeldorf geboren. Sie war in erster Ehe verheiratet mit dem Kaufmann Carl Amand Kolbe aus Landeck, der noch nicht einmal ein halbes Jahr nach der Hochzeit im Oktober 1866 an der Cholera starb. In zweiter Ehe war sie mit Ignatz Ludwig verheiratet. Sie ist die Mutter des späteren Bürgermeisters.
Kind 16) Emanuel Bernhard * 15.10.1868 / + 28.03.1871 (An Krämpfen)
Kind 17) Hedwig Theresia * 18.12.1869 / + 23.01.1870 (An Krämpfen)
Kind 18) Franz Ignatz Dismas * 9.04.1872 / + 1.05.1945
Magdalena Klapper heiratete am 12.01.1880 den um 1834 in Lichtenwalde geborenen Lehrer der örtlichen Schule (Kath. KB Schreckendorf Trauungen Nr. 1/1880. Ein Datumsvergleich zeigt, warum man sich ausgerechnet mitten im Winter das Ja-Wort gab:
Neumann, Martha Clementine * 2.07.1880
Franz ging bei seinem Stiefvater, dem Lehrer Clemens Neumann, in die Volksschule und half der Mutter im Laden.
Laut Jahresbericht des Königlich Katholischen Gymnasiums von Glatz hat Franz Ludwig dort an Ostern 1893 nach 8 Jahren Schulbesuch (davon 2 Jahre in der Prima) die mündliche Abiturprüfung bestanden.
Bei der Schlussfeier hielt er die Rede mit dem Titel: „Ohne die Freiheit, was wärest du, Hellas? Ohne dich, Hellas, was wäre die Welt?“ Im Allgemeinen wurde die Ehre, zu diesem Anlass eine Rede halten zu dürfen, nur dem oder den Jahrgangsbesten zuteil.
Als gewählter Beruf ist bei der Auflistung der Abiturienten „Theologie“ vermerkt. Er scheint sich aber offensichtlich umentschieden zu haben.
Zum Ende seines Lebens hatte Franz Ludwig seinen Wohnsitz in Breslau (1943: Auenstr. 7), vermisste aber die Landschaft seiner Heimat in der Grafschaft.
Am Montag, dem 7. Mai 1945 schreibt Prälat Dr. Franz Monse in die Chronik der katholischen Stadtpfarrkirche:
Der Generalvikar hielt am Sonnabend, den 5. Mai, das feierliche Requiem und die Exequien für den im Stift Scheibe verstorbenen früheren Ersten Bürgermeister Franz Ludwig, Glatz, unter Assistenz des Stiftpfarrers und des Dozenten Emanuel Rösner, Beuthen. Die Beisetzung fand in Scheibe statt. Am Friedhof funktionierte der Stiftspfarrer. – Ludwig war an einer Magenoperation gestorben.
Der Eintrag seiner Beerdigung findet sich im Glatzer Kirchenbuch:
Bürgermeister a. D. Franz Ludwig aus Breslau nach dem Friedhof in Scheibe beerdigt. Begräbnistag 5. Mai. Gestorben am 1. Mai an Magenkrebs (Kath. KB Glatz Bestattungen Nr. 364/1945).
Quellen:
Augustin Skalitzky / Franz Monse: 40 Jahre Kirchengeschichte der Grafschaft Glatz in Schlesien 1906–1946. Die Chronik der katholischen Stadtpfarrkirche zu Glatz, hrsg. von Dieter Pohl, Köln: Dr. Dieter Pohl Verlag 2009.
Ludwig, Franz: Jugenderinnerungen eines alten Grafschafters in Glatzer Heimatblätter S. 3-33.
Jahresbericht über das Königl. Katholische Gymnasium in Glatz in dem Schuljahre 1892-1893
Horst-Alfons Meißner und Michael Hirschfeld (Hrsg.): Die Grafschaft Glatz zwischen 1918 und 1946 – Beiträge über eine schlesische Kulturlandschaft, 2. Auflage, Aschendorff Verlag (2013)
Edwin Teuber: Ortssippenbuch Niederschwedeldorf, 1572-1946 Kreis Glatz, Grafschaft Glatz, Schlesien, Cardamina Verlag (2017)
