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Recherche im Bundesarchiv

Bundesarchiv Bayreuth
Das Bundesarchiv Bayreuth

Als ich Anfang August 2023 eine Anfrage an das Bundesarchiv (LAA) in Bayreuth stellte, war ich mir bewusst, dass bis zur Beantwortung meiner Forschungsfrage vermutlich einige Monate vergehen würden.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich jahrelang alle mir bekannten Möglichkeiten ausgeschöpft, etwas über das Schicksal meines Urgroßonkels zu erfahren.

Theodor Drescher, der um 5 Jahre ältere Bruder meiner Urgroßmutter Agnes Grauer geb. Drescher, wurde am 16.11.1861 in Niederlangenau, Kreis Habelschwerdt geboren. Seine Eltern waren der Bauer und Scholze Joseph Drescher (1831 – 1879) und dessen Frau Gertruda Lux (1834 – 1922).

Onkel Theodor war Lithograph in Breslau gewesen und hatte nie geheiratet. Er besuchte oft die Familie seiner Schwester in Habelschwerdt. Die Adresse des Grauer-Hauses war Kreuzberg 13 und eine seiner Nichten war die Frau des Kaufmanns Karl Gellrich, Kreuzberg 35.

Der Lithograph Theodor Drescher (mit Pfeife) zu Besuch bei der Familie seiner Schwester
2. v. r.: Theodor Drescher im Wohnzimmer seiner rechts neben ihm sitzenden Schwester Agnes

Im Alter zog er laut Familienüberlieferung in das nahe gelegene Altersheim des Krankenhauses Maria Hilf (Habelschwerdt) im Niederdorf von Altweistritz, Haus Nr. 11, wo er öfter von den Enkeln seiner Schwester besucht wurde. Der letzte Besuch erfolgte vermutlich im Februar 1946, kurz bevor die Familien ausgewiesen wurden. Danach konnte niemand mehr Verbindung zu ihm aufnehmen.

Gerüchteweise wurden die Bewohner des Altersheims verschleppt, aus ihren Räumen vertrieben oder sogar ermordet.

Anfragen beim Deutschen Roten Kreuz, bei der Stadt Habelschwerdt, beim Archiv der Schwestern, die damals das Altersheim betrieben, und bei befreundeten Familienforschern brachten leider keine Hinweise. Auch die Suche in Büchern und auf Online-Plattformen blieb erfolglos.

Das Bundesarchiv in Bayreuth schien mir daher die letzte Möglichkeit zu sein, um einen Hinweis zu finden.

Bedingt durch die große Anzahl vielfältiger Anträge an das Bundesarchiv fand mein Recherchetermin vor Ort erst am vergangenen Montag statt.

Nie wieder Krieg und Vertreibung
Schon am Bahnhof von Bayreuth findet man eine Gedenktafel.

Der Weg vom Bahnhof zum Bundesarchiv dauert zu Fuß ungefähr eine halbe Stunde.

Zum Gedenken an Heimatvertriebene
In der Innenstadt ist ein weiterer Gedenkort: “Zum Gedenken an Schicksal und Aufbauleistungen der Heimatvertriebenen des 2. Weltkrieges”

Das Bundesarchiv in Bayreuth (Lastenausgleichsarchiv) befindet sich in der Dr.-Franz-Straße 1. Seine Aufgabe ist es unter anderem, den Gesamtschaden der kriegsbedingt verlorenen Gebiete des Deutschen Reiches und die Schicksale der Bewohner bis zur Vertreibung zu dokumentieren und für die Forschung zugänglich zu machen.

Eingang des Bundesarchivs
Eingang des Bundesarchivs

Der Eingang befindet sich mittig des Gebäudekomplexes. Dort meldet man seine Ankunft per Sprechanlage und bekommt die Tür geöffnet. Im Eingangsbereich befindet sich ein verglaster Empfangsschalter. Dort muss man sich mit seinem Personalausweis legitimieren und wird in eine Anwesenheitsliste eingetragen.

In der 1. Etage rechts befinden sich Spinde, in die man Jacke und Taschen einschließen kann. Die Schlüssel dafür befinden sich neben der Glastür, die in den Lesesaal führt. Es stehen durchsichtige Körbe für mitgebrachte Gegenstände wie Schreibblock, Suchlisten, etc. zur Verfügung. Das Fotografieren der Archivalien ist nicht erlaubt! Man darf sich Notizen machen und auch ein Laptop oder Tablet Computer benutzen. Die Leseplätze sind begrenzt, mit mir waren im Laufe des Vormittags 5 Nutzer vor Ort.

Die mindestens eine Woche vor dem gebuchten Lesetermin in der Online-Rechercheanwendung „Invenio“ bestellten Archivalien liegen am zugewiesenen Leseplatz der Nutzer von 9 bis 17 Uhr bereit.

Lesesaal des Bundesarchivs
Ausnahmsweise durfte ich ein Foto im Benutzersaal des Archivs machen. Danke dafür!

Die sehr freundliche und geduldige Archivarin gab mir eine Einweisung über die Benutzung und das korrekte Markieren für die Bestellung der gewünschten Seiten. Man kann sich die gewählten Seiten entweder als Papierkopien zusenden lassen oder sie digital als PDF oder JPG zum Download bereitgestellt bekommen. Die Rechnung für diesen Service erhält man irgendwann später.

Ich hatte eine Sachakte und drei verschiedene Heimatsortkarteien bzw. Teile davon vorbestellt. Die Karteien des Kirchlichen Suchdienstes entstanden im Rahmen der suchdienstlichen Ermittlung und Betreuung deutscher Vermisster und Spätaussiedlerinnen und -siedler. Die 33.300 Suchdienstkarteien umfassen knapp 40 Millionen Karteikarten. Meine drei Kästen fassten nur zusammen 3.815 Karteikarten – ein winziger Bruchteil des riesigen Informationsschatzes von mehr als 30 Regalkilometern an Archivalien im Bayreuther Archiv.

Schaukasten
Einer der Schaukästen, die verschiedene Beispiele für Archivalien zeigen.

In den Heimatsortkarteien von Niederlangenau (Geburtsort) und Altweistritz (Lage des Altersheims) tauchten viele bekannte Namen auf, aber leider nicht der gesuchte.

In der Heimatsortkartei „Habelschwerdt, Buchstabe A bis D“ wurde ich schließlich doch noch fündig. Auf einer der Karten stand nur ein einzelner Satz: Theodor Drescher lebte am 27.05.47 noch in Habelschwerdt im Bürgerhospital. Leider gab es dazu keine Quellenangabe.

Das bedeutet, mein Urgroßonkel hat die unruhige Zeit 1945/1946 überstanden, wurde im Hospital versorgt und starb mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann 1947 oder später eines natürlichen Todes in Habelschwerdt. Vielleicht werde ich dieses Datum noch eines Tages herausbekommen, aber die am Montag gefundene unscheinbare Karteikarte ist für die Familie auch nach vielen Jahrzehnten eine beruhigende Information und war mir persönlich sehr wichtig.

Auf vielen Karten sind diejenigen Personen mit Adresse vermerkt, die den Tod einer Person an das Archiv gemeldet haben. Oft steht als Quelle der Grafschafter Bote oben rechts verzeichnet oder eine Totmeldung durch Gerichtsbeschluss. Manchmal können drei aufeinanderfolgende neue Wohnadressen auf den Karten stehen. Es gibt auch Hinweise wie „Hat einen Stand auf dem Markt in Braunschweig.“ Auch die Geburtsnamen von Ordensschwestern sind vermerkt und suchende Verwandte.

Schaukasten 2
Neben handschriftlichen Archivalien sind auch viele gedruckte Quellen vorhanden.

Nach dem Ausfüllen der Bestell-Liste und der Rückgabe der Archivalien an die Archivarin des Lesesaals muss man sich zusätzlich unten am Empfang abmelden, um aus der Anwesenheitsliste ausgetragen zu werden.

Es ist möglich, zwischendurch eine Mittagspause zu machen oder etwas Luft vor dem Gebäude zu schnappen. Aber auch dies sollte man immer anmelden.

Für mich hat sich die lange Wartezeit auf meinen Recherchetermin gelohnt.

Modell Lastenausgleichsarchiv
Modell des LAA in einem weiteren Schaukasten

Erwähnt sei noch, dass in der Bibliothek der Außenstelle Bayreuth 50.000 Bände zum Thema Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs, ehemalige Ostgebiete des Deutschen Reiches, vorhanden sind.

Quellen:

Heimatbuch Altweistritz, Kreis Habelschwerdt, Grafschaft Glatz (1964)

Informationsmaterial und Website des Bundesarchivs

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