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Damals Grafschaft Glatz Kultur

Das schlesische Tirol

Krainsdorf bei Neurode im Winter 2001

„Wenn man einem Schlesier von der Grafschaft spricht, geht ein Schein von Wohlwollen über sein Gesicht. Ein schlesisches Tirol. Stattliche Berge, breite Täler, Kreuze und Heiligenbilder an allen Wegen, ein frommes, genügsames, dabei aber fröhliches und sogar etwas verliebtes Völkchen. Sie sind wirklich etwas Besonderes, die Grafschafter, haben sogar einen eigenen Bischof und halten zusammen, wo sie sich treffen. Was jenseits von Wartha ist, liegt für sie „drunten in Schlesien“. Es hat ja auch immer in alten Urkunden geheißen „Schlesien“ und die „Grafschaft Glatz“. So beschrieb Paul Keller die Grafschaft während seines Kuraufenthaltes in Bad Landeck im Frühjahr 1932.

„Bei ons derhääme …“ ( bei uns zu Hause)

Wenn ich mich an Gespräche innerhalb meiner Familie erinnere, wurde immer von einem blühenden und reizvollen Ländchen geschwärmt. Diese Erzählungen berichten mir auch andere Nachkommen der Grafschafter Familien. Aber warum war man so stolz auf die Grafschaft? Waren es nur die Erinnerungen und das Heimweh? Was ließ das Glatzer Land so besonders erscheinen?

Umgeben von Bergen

Es war ein in sich abgeschlossener Bereich, weil hohe Gebirge die Grafschaft umschlossen. In früheren Jahrhunderten führten nur wenige beschwerliche Pässe hinein.  Daher bildete das Ländchen einen Staat für sich. (Quelle: „Der Kampf um Glatz“ von Hugo von Wiese, Seite 1) „Die Abgeschlossenheit des Glatzer Ländchens, dessen beschauliche Stille erst sehr spät dem allgemeinen Verkehre erschlossen wurde, beeinflusste wiederum die sympathische Sonderart des Volkscharakters der Glatzer“. (Quelle: Buch „Die Grafschaft Glatz  -Verbände der Kurorte und Sommerfrischen der Grafschaft Glatz. E. V. von 1911“, Seite 4)

Glatzer Kessel

Das Innere der Region wird als Glatzer Kessel bezeichnet. Große Städte gab es nicht. Die Stadt Glatz bildete den Mittelpunkt. Als weitere Bergstädte wurden Neurode und Habelschwerdt bezeichnet. Es gab aber einige idyllische kleinere Orte mit schönen barocken Dorfkirchen und Wallfahrtsstätten. Im Glatzer Bergland gehörten gepflegte Bildstöcke und Heiligenbilder am Wegesrand dazu.

Durchgangsland zu Böhmen und Mähren

In der bewegten geschichtlichen Vergangenheit hatte die Grafschaft durch ihre strategische Lage schon immer eine Bedeutung. Bedingt durch die Kessellage und Gebirgspässe konnte man über die alten Handelswege nach Schlesien, Breslau, Prag, Wien, Brünn etc.  reisen.  Die Grafschaft lag auf halbem Wege zwischen Prag und Breslau. Das Ländchen wurde historisch von beiden Seiten geprägt (mal böhmisch, mal schlesisch).

Bistum Prag

Kirchlich war die Grafschaft seit dem 13. Jahrhundert dem Bistum Prag zugehörig, da sie seit früheren Zeiten böhmisch war. Als das Ländchen endgültig 1763 preußisch wurde, versuchte der „Alte Fritz“ die Zugehörigkeit von Prag zu trennen, was trotz großer Bemühungen aber nicht gelang. Die Eingliederung in das Bistum Breslau erfolgte erst im Jahre 1972.

Heilbäder und Kuren

Die Erfahrung mit der heilsamen Wirkung in Bad Landeck machte Friedrich der Große bereits im Jahr 1765. Da der Glatzer Kessel reich an Mineral- und Heilquellen war, unterstützt durch das gemäßigte milde Heilklima, entstanden im 19. Jahrhundert Kurorte. Die bekanntesten Bäder waren Landeck, Reinerz, Kudowa, Altheide, Langenau.  Auch Johann Wolfang von Goethe besuchte auf seiner Reise von Weimar in die schlesisch-böhmische Ecke im August 1790 den beliebten Kurort Bad Landeck.

Aus Zeitschrift des Glatzer Gebirgsvereins „Die Grafschaft Glatz“ Nummer 4, 1. Juli 1929, 24. Jahrgang

Wintersport

Durch den Eisenbahnbau begann nach und nach die Reisetätigkeit in die Grafschaft. Am 21.09.1874 erreichte der erste Zug den Glatzer Hauptbahnhof. Weitere Bahnstrecken folgten. Einen besonderen Stellenwert nahm ab ca. 1900 der Wintersport ein, da gute Schneeverhältnisse bereits häufig von Anfang November bis März vorhanden waren. Jung und Alt stand auf den „Brettln“ oder „Braatlan“ (Brettern, Skier). Man konnte aber nicht nur Skilaufen, es gab auch Rodelbahnen, Sprungschanzen und Eissport.

Es wurde immer von schneereichen Wintern berichtet, wie man auch auf den Fotos aus Königswalde erkennen kann.

Sommerfrischler

Auch im Sommer war die Grafschaft ein beliebtes Ziel für den Fremdenverkehr. Neben den Kurorten entstanden auch mehrere Luftkurorte. In „Griebens Reiseführer von 1914“ wurden Reiseverbindungen von Berlin, Dresden, Breslau usw. angeboten. Die waldreiche Landschaft eignete sich hervorragend zum Wandern und Erholen. Es gab neben den Hotels in Glatz und den Kurorten mehrere einfache Privatunterkünfte und Gasthäuser. Jugendherbergen waren ebenfalls vorhanden. Für die Entwicklung des Fremdenverkehrs war der Glatzer Gebirgsvereins (gegründet 1881 in Glatz) zuständig. Es gab Ortsgruppen, die sich regional mit der Infrastruktur (Markierung der Wege, Wanderrouten etc.) befassten. Seine Wanderung konnte man angenehm unterbrechen in bewirtschafteten Bauden (Berghütten).

Blick auf das Glatzer Bergland

Resümee

Es gab Parallelen zu Tirol:  Ein Land im Gebirge, religiös geprägt, mit Wintersport und Tourismus.

Für die damaligen Bewohner war es aber nicht nur ein Heimatgefühl. Es war auch die Geschlossenheit und das Volkstum der Grafschafter. Man war stolz und „verliebt“ wie Paul Keller die Grafschafter beschrieben hat (s.o.). Kurz gesagt:  Stolz auf die große Vielfalt des sogenannten „Herrgottsländchens“ zwischen Schlesien und Böhmen mit seinen zahlreichen Facetten. Selbst Preußenkönig Friedrich II wird nachgesagt, dass er Glatz als Juwel in seiner Krone angesehen und sich beklagt hat, dass man ihm Schlesien und die Grafschaft nicht gönne ….

Das Land unserer Vorfahren ist auch heute noch als Urlaubsland geschichtlich und kulturell interessant in einer faszinierenden Mittelgebirgs-Region in Europa, nicht nur um die familiären Wurzeln in den Archiven zu erforschen.

Eine Antwort auf „Das schlesische Tirol“

Hallo Frau Holz,
interessanter Artikel! Ich stamme aus der Grafschaft (Seitenberg) und meine Eltern hatten diese Art der Feriengäste in Ferienwohnungen. Das wurde damals alles durch KDF (Kraft durch Freude) organisiert.
Ein interessantes Gästebuch mit den dankbaren handschriftlichen Eintragungen, Adressen und Fotos der Feriengäste konnte mein Vater bei der Vertreibung retten und ich lese oft darin…
Ich könnte Ihnen bei Interesse auch die Werbepostkarte zusenden…
Freundliche Grüße,
Hans Weiser

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