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Einmal Landeck und zurück

Portrait Karl von Holtei
Karl Eduard von Holtey (1798 – 1880), Schriftsteller, Theaterregisseur und Schauspieler. Ausschnitt einer Lithographie von Joseph Kriehuber, 1856. (Quelle: Wikipedia)

Karl von Holtei wurde am 24.01.1798 in Breslau geboren. Da die Mutter kurz nach seiner Geburt starb und der Vater, ein Königlich Preußischer Husaren-Offizier, nichts mit dem Säugling anzufangen wusste, reichte er ihn seiner Tante zur Pflege und Erziehung weiter. Der kleine Karl wuchs also bei der Schwester seiner Großmutter auf.

Nachdem Napoleon Bonaparte 1812 bei seinem Russlandfeldzug eine Niederlage erlitten hatte, begann sich der Widerstand im preußischen Volk gegen Frankreichs Übermacht auszuweiten. Im Januar 1813, verlegte der preußische König Friedrich Wilhelm III. aus Sicherheitsgründen seine Residenz von Berlin nach Breslau. 

Kutschfahrt des preußischen Königs nach Breslau 1813
Der preußische König Friedrich Wilhelm III. auf der Fahrt nach Breslau von Richard Knötel

Die schlesische Hauptstadt galt als Keimzelle des Widerstands gegen die französische Fremdherrschaft. Nachdem ein Bündnis mit Russland geschlossen worden war, erfolgte am 16. März die Kriegserklärung an Frankreich. Damit begannen die Befreiungskriege (1913 – 1815). Karl von Holtei war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt.

Der preußische König richtete in der Schlesischen privilegierten Zeitung das Wort „An mein Volk“ mit der Bitte um Unterstützung für den Kampf gegen Kaiser Napoleon. Fast gleichzeitig stiftete er das Eiserne Kreuz als eine Kriegsauszeichnung, die ohne Rücksicht auf Stand, Herkunft, Dienstgrad und militärischen Rang verliehen werden sollte.

Nach mehreren französischen Siegen musste sich die preußische Armee zunächst zurückziehen. Die französischen Truppen marschierten in Richtung Breslau.

Als eines Tages die Angst unter den Breslauer Bürgern vor den heranrückenden napoleonischen Truppen immer größer wurde, beschloss Karls Großtante und Pflegemutter es anderen Familien gleichzutun und an einen sicheren Ort zu flüchten. Die Wahl fiel auf Landeck, da es recht nah an der Grenze lag. Es wurde ein vertrauenswürdiger Kutscher engagiert – „der kein Süffling sein dürfe!“, also kein gewohnheitsmäßiger Trinker. Bei Morgengrauen rollte Karl mit der Großtante und Tante Julie, der Schwester seines Vaters, mit schwerem Gepäck in Richtung der Berge.

Bei einem Stellmacher am Marktplatz von Landeck (dort war es preisgünstiger als im Bäderteil des Ortes) fand man eine kleine, aber behagliche Unterkunft. Im Ort hatten sich bereits „Verwandte und Bekannte in Unzahl“ eingefunden. Der König von Preußen traf mit Familie in Kunzendorf ein und auch der russische Zar kam nach Landeck.

Recht schnell vergaßen die Geflüchteten ihre Angst, besuchten sich gegenseitig und verstanden sich mehr als Kurgäste. Das ohnehin begrenzte Geld von Holteis Familie schwand dahin und die Sehnsucht nach Breslau wurde mit jedem Tag größer. Die Franzosen hatten die Stadt zwar Anfang Juni eingenommen, waren aber nach dem Waffenstillstand ohne große Plünderungen oder Brandschatzungen wieder abgezogen. Dennoch hielten sie weiterhin den größten Teil Niederschlesiens besetzt.

Bereits abgereiste Bekannte mussten unverrichteter Dinge wieder in nach Landeck umkehren, da sie vom preußischen Militär nicht durchgelassen worden waren. Trotzdem lehnte Karls Großtante jedes Darlehen von Freunden ab und man suchte, fast schon trotzig, weiter nach einem verlässlichen Fuhrmann, der die unsichere Reise auf sich nehmen würde. Nach langer Suche fand Tante Julie lediglich einen sehr „flegelhaften“ Fracht-Fuhrmann. Die auf der Ladefläche aufgestapelten Kisten, Tonnen und Säcke mussten ihnen als Sitzgelegenheiten dienen. Bei der Fahrt aus Landeck und über die holperigen Straßen wurden die Passagiere großzügig mit Spott und mitleidigem Hohn bedacht. Auch der Fuhrmann und sein Knecht sparten nicht mit pöbelhaften Scherzen.

Am Abend des ersten Tages erreichten sie das Wirtshaus unterhalb der Festung Glatz, in dem man schon auf der Hinreise genächtigt hatte. Die bis hier zurückgelegte Strecke betrug innerhalb eines ganzen Tages nur 25 bis 30 Kilometer, d.h. sie waren nur in Schrittgeschwindigkeit unterwegs. Holtei beschrieb in seiner Biographie die nicht enden wollenden Stunden unter der übelriechenden Sachleinwand der Wagenplane, eingezwängt zwischen ihrem Gepäck und der Fracht des Fuhrmannes, als eine der scheußlichsten Erinnerungen seines Lebens. Die Nerven lagen blank. Abends geriet Karl Holtei mit der Tante und seiner Pflegemutter sogar in Streit und bekam im Gegenzug die erste tüchtige Ohrfeige seines Lebens.

Der zweite Tag begann nicht besser, die Pferde schlichen nur so dahin. Durch die schlechten Wege wurden die Reisenden ordentlich durchgeschüttelt. Immer mehr zurückgeschickte Wagen kamen ihnen entgegen, deren Insassen von der Weiterfahrt abrieten. Der Fuhrmann wich von der Hauptstraße auf eine Nebenstrecke aus. So gelangten sie nach mehreren Tagen auf schlechten Wegen mit „gequetschten Rippen und zerschunden Gliedern“ in Strehlen an (ca. 40km südlich von Breslau). Hier befand sich zu diesem Zeitpunkt das militärische Hauptquartier und an ein Weiterkommen war ohne Freipass nicht mehr zu denken. Der Fuhrmann meinte spöttisch, Tante Julie solle doch zu Blücher persönlich gehen und einen solchen aushandeln. Tante Julie, als Tochter eines Husaren-Obersten und Regimentskommandeurs an ihrer Ehre gepackt, beschloss, genau dies zu tun. Gemeinsam mit Karl verlangte sie zu Blücher vorgelassen zu werden, was tatsächlich passierte.

Portrait Gebhard Leberecht von Blücher
Gebhard Lembrecht von Blücher, Fürst von Wahlstatt (1742–1819), Portrait von Eduard Ströhling (Quelle: Wikipedia)

Blücher war zunächst recht bärbeißig und ablehnend. Als er aber erfuhr, dass Karl der Sohn des ihm gut bekannten Rittmeisters von Holtei war und Tante Julie dessen Schwester, wurde er gleich viel freundlicher und rief Frau und Tochter hinzu in die Stube. Während der Freipass ausgestellt wurde, ließ Blücher Kaffee servieren und Karl bediente sich reichlich am Kuchen.

Tante Julie stieg nun sehr in der Achtung des Fuhrmanns. Der Freipass ebnete der Reisegruppe den Weg problemlos bis Breslau.

Die Stadt in der Sommerhitze fand Karl „fürchterlich“. Landecks Berge, die „silberhelle Bielau“ mit ihren Forellen und eine Wanderung zum Schneeberg erschienen ihm viel erstrebenswerter als die Aussicht darauf, nun wieder täglich mit dem Bücherranzen zum Magdalenen-Gymnasium zu wandern.

Quellen:

Karl von Holtei: Vierzig Jahre, Band 1. Seite 141 – 153

Knötel, Richard: Die eiserne Zeit vor hundert Jahren. Heimatbilder aus den Tagen der Prüfung und der Erhebung 1806-1813, Verlag von Carl Siwinna, Leipzig und Kattowitz (1906)

Wikipedia

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