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Patenglocken

Bild einer Patenglocke

Während des 2. Weltkrieges war im Frühjahr 1940 die Beschlagnahmung der Kirchenglocken verfügt worden. Das Metall sollte für die deutsche Rüstungsindustrie eingeschmolzen werden. Der Transport zu den Schmelzhütten begann im Winter 1941/42. Die Kreishandwerkerschaften mussten die Glocken aus den Kirchtürmen holen und mit Ölfarbe darauf eine Kennziffer vermerken.

Reichsgesetzblatt - Glocken für Rüstungsreserve
Reichsgesetzblatt in dem die Ablieferung der Kirchenglocken verfügt wurde.

Die Glocken wurden in vier Gruppen von A bis D eingestuft. Die jüngeren gehörten zur Kategorie A. Es handelte sich oft um Glocken, die als Ersatz für die im 1. Weltkrieg beschlagnahmten und eingeschmolzenen Glocken neu angeschafft worden waren. Diese sollten als erste zur Verwertung gebracht werden. In die Gruppen B bis D wurden je nach historischer und künstlerischer Bedeutung die restlichen Glocken aufgeteilt.

Die B- und C-Glocken wurden aus Platzgründen bei ihrem Eintreffen in Hamburg, wo sich zwei der Hütten befanden, übereinandergestapelt, was zu Beschädigungen führen konnte. Bis zu den Luftangriffen im Juli 1943 konnten Kunsthistoriker und Fotografen viele davon vermessen, fotografieren, Plastiken abformen und beschreiben. Wegen den massiven Luftangriffen entschied man sich dazu, die wertvollsten Exemplare auszulagern. Dabei bekam ein voll beladenes Boot einen Volltreffer und sank. Glücklicherweise konnte die Fracht in der Nachkriegszeit bei Arbeiten im Hafenbecken von Tauchern gehoben werden.

Aus deutschen Kirchen wurden 90.000 Glocken eingeschmolzen, aus den besetzten Gebieten 60.000.

Glockenfriedhof Hamburg 1947
Das Glockenlager im Hamburger Freihafen 1947 (Quelle Wikipedia)

Erstaunlicherweise sind ca. 80% der B- und C-Glocken erhalten geblieben und befanden sich zum Ende des Krieges noch in den Sammelstellen, auch Glockenfriedhöfe genannt. Darunter waren auch mehr als tausend Glocken aus Schlesien. Die Militärverwaltung ordnete zunächst die Rückführung in die erhalten gebliebenen katholischen und evangelischen Kirchengemeinden der Besatzungszonen an. Die Glocken aus den Gebieten jenseits von Oder und Neisse wurden zuletzt genutzt, um Lücken in Geläuten von Gemeinden in Westdeutschland aufzufüllen.

Es handelt sich bei den Patenglocken explizit nur um Leihgaben, die Eigentumsverhältnisse sind aber bis heute nicht abschließend geklärt. Den „neuen“ Gemeinden gehören die „Leih- bzw. Patenglocken“ eindeutig nicht. Diese sind aber dazu verpflichtet, die Leihgaben bestmöglich zu pflegen und zu warten. Die Glocken dürfen nicht verkauft oder weiterverliehen werden.

Den Gemeinden in den alten Kirchen gehören sie allerdings auch nicht, schließlich wurden die Glocken von der damaligen Regierung zur Verwertung enteignet und befanden sich zum Kriegsende auf heutigem Bundesgebiet. Die heutige Bundesregierung ist als ihre Nachfolgeorganisation vermutlich am ehesten als Eigentümer einzuordnen. Wenn Patenglocken an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren, geschieht das im Rahmen einer Dauerleihgabe.

Im Deutschen Glockenarchiv gibt es umfangreiche Unterlagen über die schlesischen Glocken. In der zugehörigen Kartei war allerdings oft nicht vermerkt worden, wohin man sie verteilt hatte. In mühevoller Kleinarbeit wurde der Verbleib recherchiert. Manchmal waren die Glocken in der Zwischenzeit weitergegeben worden. Hilfreich bei der Identifizierung sind u. a. Beschreibungen in alten Chroniken (wie z. B. in der Eisersdorfer Chronik). Eine Glocke aus Eisersdorf befindet sich übrigens heute in der Kirche St. Willehad in Nordenham.

Manche Landeskirchen bzw. Bistümer haben durch einen Sachverständigen ein Inventar erstellen lassen. In den Glockenbüchern des Erzbistums Köln und Aachen sind unter anderem Glocken aus Rückers (1709), Oberschwedeldorf (um 1500), Bad Landeck (1688), Wilhelmsthal (1739), Altwaltersdorf (1777) und Niedersteine (1663) zu finden.

Eine Glocke aus Kunzendorf a. d. Biele, die an eine Kirche im Odenwaldkreis ausgeliehen war, soll sich mittlerweile im Museum Glockenwelt auf der Burg Greifenstein befinden.

Das Deutsche Glockenmuseum empfahl auf Anfrage das Buch:

Marceli Tureczek: Leihglocken (Dzwony z obzzaru Polski w granicach po 1945 roku przechowywane na terenie Niemiec – Bells from territories within post-1945 borders of Poland stored in Germany). Warszawa 2011.

Darin sind die Glocken der ehemaligen Ostgebiete verzeichnet, die nach 1945 an westdeutsche Gemeinden verteilt wurden. 

Eine zentrale Stelle zur Rückführung von Leihglocken gibt es nicht. Jede Landeskirche (ev.) oder Bistum (kath.) handhabt das anders. Einzelne Glocken wurden in neuerer Zeit an die Ursprungskirchen in Schlesien zurückgegeben, wie z. B. in die Diözese Świdnica/Schweidnitz. Die Organisation ist aufwändig, da alle beteiligten Parteien zu einer Einigung kommen müssen. Manchmal existieren aber die Kirchen in Osteuropa auch nicht mehr.

Einige Anfragen an Gemeinden mit Patenglocken aus der Grafschaft Glatz mit der Bitte um ein Foto der Glocke und weitere Informationen, blieben alle unbeantwortet.

Auf dieser Webseite kann man z. B. mit dem Suchwort „Schlesien“ in der Volltextsuche nach Glocken suchen und sich sogar anhören: Glocken-Finder

Quellen:

Gerhard und Dorothea Kopetzky: Schlesische Glocken läuten im Bundesgebiet. In: Grofschoaftersch Häämtebärnla 1991, 43. Jahrgang, S. 80ff

5 Antworten auf „Patenglocken“

Hallo, mein Name ist René Müller ich bin Mitglied der Forschungsgruppe Grafschaft Glatz, ich bin auf der Suche nach dem Verbleib der Leihglocken, unter anderem auch die von Wünschelburg in der Grafschaft Glatz. Laut meiner Informationen sind diese Glocken in Stralsund gelandet, stimmt diese Information und wenn nicht wissen Sie vielleicht wohin sie gekommen sind?
Ich arbeite mit jemandem zusammen der eine Auflistung dieser Glocken macht, sehr interessantes Thema und uns fehlen noch die Glocken von Wünschelburg und ihr Verbleib. Sie wurden zwischen 1900-1905 in Apolda Gegossen und wog
925 Kg, das sind die einzigen Informationen die ich habe, angeblich sollen sie in Stralsund oder auf Rügen gelandet sein. Ich würde mich freuen von Ihnen zu hören, vielleicht kommen wir ja weiter mit der Recherche.

Grüße aus Bayern, René Müller

Hallo Herr Müller,
leider kann ich Ihnen nicht sagen, wo sich die gesuchte Glocke befindet. Erfahrungsgemäß antworten die Kirchengemeinden nicht auf Anfragen zu eventuell vorhandenen Patenglocken.
Eventuell kann das Deutsche Glockenarchiv über die Glocken in Stralsund Auskunft geben.
Das im Beitrag genannte Buch könnte die Antwort liefern, vielleicht schreiben Sie den Autor einmal direkt an? Er ist Professor an der Universität von Zielona Góra (Grünberg).
https://ih.uz.zgora.pl/pracownicy/marceli-tureczek
Viele Grüße
Astrid Kreuz

Witam, jestem mieszkanką Gminy Schwessin na terenie Pomorza Zachodniego, które przed wojną należało do Niemiec. Niedawno pozyskałam informację, że dzwon, który przed wojną znajdował się w kościele w Schwessin i został z niego zabrany w 1941 roku, obecnie przebywa w jedej z parafii na terenie Duisburga. Udało mi się nawet skontaktować z pastorem i otrzymać zdjęcia tego dzwonu. Cieszę się, że dzwon przetrwał wojenną zawieruchę i ma swoje miejsce w tej parafii.
Pozdrawiam serdecznie
Joanna Krzyściak

Vielen Dank für den Kommentar.

Hier die Google-Übersetzung:
Hallo, ich bin Bewohnerin der Gemeinde Schwessin in der Region Westpommern, die vor dem Krieg zu Deutschland gehörte. Kürzlich habe ich die Information erhalten, dass die Glocke, die vor dem Krieg in der Kirche in Schwessin war und 1941 von dort entfernt wurde, sich derzeit in einer der Gemeinden im Gebiet von Duisburg befindet. Es ist mir sogar gelungen, Kontakt mit dem Pastor aufzunehmen und Fotos dieser Glocke zu erhalten. Ich freue mich, dass die Glocke die Kriegswirren überstanden hat und ihren Platz in dieser Gemeinde hat.
Mit freundlichen Grüßen
Joanna Krzyściak

Thank you very much for this very interesting article about the historical bells from Silesia.

This subject is also of great interest to us in Poland, especially in connection with the “Peace Bells for Europe” project of the Diocese of Rottenburg-Stuttgart. As part of this project, historical bells that were removed during the Second World War and later used in West German parishes are gradually being returned to Poland and the Czech Republic.

I have published a more detailed article on this subject on my regional website in Lower Silesia. It describes, among other things, the history of the bell depots, the bells kept in the Diocese of Rottenburg-Stuttgart, and the current efforts to return them to Poland and the Czech Republic:

https://gminawiszniamala.pl/dzwony-pokoju-dla-europy-do-polski-powroci-okolo-50-zabytkowych-dzwonow/

Perhaps this article may be useful to your readers and to people researching the history and present whereabouts of Silesian bells.

I would also be very grateful for any additional information or corrections from the German side.

Best regards from Lower Silesia

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