In Lüdenscheid, in der Stiftung Grafschaft Glatz, gibt es unter den zahlreichen Nachlässen, Büchern und Schriften, Bildern, Chroniken etc. ein besonders prachtvolles Exponat. Es handelt sich um den Goldring des ehemaligen Lewiner Pfarrers Hermann Jünschke. Dieser Ring war wohl ein Geschenk seiner Familie zu seiner Priesterweihe.

im Archiv der Stiftung Grafschaft Glatz/Schlesien in Lüdenscheid
Foto: Reinhard Elsner
Der Lebensweg des Hermann Jünschke
Er wurde am 27. Januar 1877 in Habelschwerdt geboren und war der einzig überlebende Sohn des reichen Jünschke-Fleeschers (Fleischers). Seine Eltern waren Anton Jünschke und Theresia geb. Kober.
Das Abitur am Königlichen Katholischen Gymnasium zu Glatz absolvierte er Ostern 1896. Zu seinem Theologiestudium konnten anhand der Personalverzeichnisse der Lehrer, Beamten und Studierenden der einzelnen Jahrgänge folgende Universitäten ermittelt werden:
- Sommersemester 1896 Grossherzoglich Badische Universität Freiburg
- Wintersemester 1896/97 Ludwig-Maximilians-Universität München
- Sommersemester 1897 bis Wintersemester 1897/98 Königliche Universität Breslau
- Sommersemester 1899 bis Sommersemester 1900
Ludwig-Maximilians-Universität München
Im Sommer 1900 wird als Adresse des Theologie-Studenten Hermann Jünschke in München das Georgianum angegeben. Hierbei handelt es sich um ein römisch-katholisches Priesterseminar. Das zweitälteste katholische Priesterseminar weltweit. Es liegt gegenüber der Ludwig-Maximilians-Universität. Bekannte Absolventen sind u.a. Papst Benedikt XVI. sowie sein Bruder der Priester und Kirchenmusiker Georg Ratzinger.
Die Ordination des Hermann Jünschke zum katholischen Priester fand am 15. Juli 1900 in Breslau für das Bistum Prag statt. Er war sicherlich einer der wenigen Priester in der Grafschaft, der vor der Priesterweihe die Zusage geben musste, dass er materiell versorgt bleibt. Auch in dem Fall, wenn das Priesteramt nicht mehr ausgeübt werden kann. D.h. der sogenannte „Tischtitel“ war bei Hermann Jünschke nicht erforderlich.
Er war zunächst Kaplan in Schreckendorf, Landeck und Glatz. Seit dem Jahr 1911 setzte man ihn als Kuratus an der Minoritenkirche (auch Franziskanerkirche genannt) in Glatz ein. Nebenamtlich übte er außerdem das Amt des Militärpfarrers aus. Aufgrund seines Vermögens hatte es Hermann Jünschke nicht nötig, eine gut dotierte Stelle zu übernehmen. Mit dem Amt des Kuratus waren keine regelmäßigen Einkünfte verbunden.
Weite Auslandsreisen, damals noch eine Seltenheit, konnte H. Jünschke sich leisten. Dann nahm ihm die Inflation sein ganzes Hab und Gut und machte ihn zu einem völlig armen Mann. Er trug es mit Bescheidenheit und Herzensbildung, die diesen Mann so auffällig prägte.
Von 1915 bis 1918 war Pfarrer Hermann Jünschke ein Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, der Zentrumspartei.
Im Band 26, des Archivs für schlesische Kirchengeschichte Hildesheim 1968, S. 279-288, wird Pfarrer Jünschke wie folgt beschrieben:
„als ein überaus vornehmer und gütiger Mensch, voll stiller Wohltätigkeit gegenüber Notleidenden. Es war seine Art, überall zu vermitteln. Dies versuchte er auch noch 1933 gegenüber den Leuten von der NSDAP; er wurde aber bald von diesen schmählich betrogen und in Versammlungen an anderen Orten der Grafschaft Glatz öffentlich beschimpft“.
Im Landecker Stadtblatt vom 29. Februar 1928 wird berichtet, dass Pfarrer Jünschke von der Minoritenkirche in Glatz, vom Oberpräsidenten für die Pfarrei Lewin präsentiert worden ist.
In der Hummelstadt Lewin übte er von 1928 bis 1946 den Pfarrdienst bis zur Vertreibung aus. Er besaß eine schlichte und sehr tiefe Frömmigkeit, schonte sich nicht in der Seelsorge. Pfarrer Jünschke war stets in der weitverzweigten Pfarrei Lewin zum Unterricht oder Hausbesuch unterwegs. Wer Kaplan in Lewin wurde, hatte das große Los gezogen. Er widmete den jungen Mitarbeitern viel Zeit zur persönlichen Aussprache. Er gab ihnen die beste Ausbildung, die möglich war. In seiner Freizeit hörte Hermann Jünschke gern gute Musik.
An der Kirchenwand in Lewin gibt es heute eine Gedenktafel von Pfarrer Jünschke in deutscher und polnischer Sprache.
Nach der Vertreibung kam Pfarrer Jünschke 1946 zunächst nach Hüttenrode in den Ostharz (ehemals russische Zone) und lebte dort unter ärmlichen Verhältnissen. Im Sommer 1947 siedelte er nach Gut Hange bei Freren um. Dies geschah auf Veranlassung des Bischofs Hermann Wilhelm Berning von Osnabrück, der gemeinsam mit ihm in Breslau studiert hat. Pfarrer Jünschke war auf Gut Hange Hausgeistlicher im Schwesternhaus, wo er am 13. Januar 1950 verstarb.
Wie kam der Goldring nach Lüdenscheid?
Das Gehalt der Seelsorger war das Einkommen von einem Pfarrhof (Landwirtschaft). So wie in Lewin, war es überall in den Diözesen. Als Verwalter der Landwirtschaft war ein sogenannter „Pfarrschaffer“ und weitere Bedienstete tätig.
Eine Bedienstete vom Pfarrer in Lewin war Maria Klügel. Sie war als Pfarrwirtin bei dem Dechanten Hermann Jünschke angestellt. Nach der Vertreibung begleitete sie den Pfarrer nach Gut Hange bei Freren. Sie pflegte ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1950. Danach musste sie das Gut verlassen.
Maria Klügel ist am 23. November 1912 in Oberhannsdorf in der Kolonie Vogelsberg geboren. Sie starb im Jahr 1952 unerwartet im Alter von nur knapp 40 Jahren in Dötlingen/Immer, Landkreis Oldenburg. Ihr Nachlass wurde zwischen Ihren Brüdern Paul und Josef aufgeteilt. Darunter befand sich der goldene Ring vom Pfarrer Jünschke aus Lewin. Maria, die Frau von Paul Klügel, war eine geborene Fischer. Sie war die Patentante von Nikolaus Fischer, dessen Geburtshaus 1936 in Kunzendorf an der Biele stand.
Nikolaus Fischer bekam diesen Ring von seiner Patentante geschenkt. Er wohnt schon seit 1970 in den Vereinigten Staaten, heute in Houston, Texas. Bei einem Besuch in Deutschland im Jahr 2010, übergab er das wertvolle Geschenk an die Stiftung Grafschaft Glatz für das Museum. Die Odyssee des Goldringes hat er bereits im „Jahrbuch Häämtebärnla 2014“ ausführlich beschrieben.
Der Goldring war für Nikolaus Fischer immer eine Erinnerung an seine schlesische Heimat. Umso mehr freut er sich, dass dieses Exponat nun in der Sammlung der Stiftung in Lüdenscheid aufbewahrt und den Nachkommen der Grafschafter präsentiert werden kann.
Ich danke der Berichterstatterin von Lewin, Frau Barbara Bittner, sowie Nikolaus Fischer für die Bereitstellung der Informationen.
Quellen:
- Unser Heimatstädtchen Lewin von Alfred Pöschel 1989/90
- Odyssee des Goldringes von Dechant Hermann Jünschke, Häämtebärnla 2014, Seite 84-88 von Nikolaus Fischer, USA
- Lewin in Bild und Wort bis 1945
- Lebenslauf des Pfarrers Hermann Jünschke, erstellt von Pfarrer Konrad Leister
- Abschrift eines Briefes von Pfarrer Jünschke an die Lewiner nach der Vertreibung 15.03.1948
- Übersicht über die Abiturienten Gymnasium Glatz 1895/96





