Mit Beginn des 1. Weltkrieges 1914 wurden Metalle für die Produktion kriegswichtiger Güter benötigt (z. B. Waffen und Fahrzeuge). Daher verschwand recht schnell das Münzgeld aus dem Zahlungsverkehr. Weil die lokale Wirtschaft aber zu einem überwiegenden Teil mit „Kleingeld“ funktionierte, musste ein Ersatz gefunden werden.
Unternehmen begannen, Gutscheine mit Beträgen von meist bis zu einer Mark auszugeben. Diese kleinen Zettelchen wurden zunächst von Hand auf Pappe und Papier ausgestellt, gestempelt oder auch gedruckt. Man verwendete aber auch andere verfügbare Materialien, wie Stoff, Leder, Alufolie, Kohle, usw. Bald brachten die Ortschaften ebenfalls Ersatzgeld in Umlauf.
Anfangs waren die Notgeldscheine noch recht schlicht gestaltet. Da sie sich aber bald zu einem beliebten Sammelobjekt entwickelten und oft nicht mehr von den Kunden zum Ende der Gültigkeit eingelöst wurden, gestaltete man die Scheine bald aufwändiger, mit farbigen Motiven und gab ganze Serien heraus. Neben Werbung für Produkte, Unternehmen oder Orte konnte man auch Zeugnisse regionaler Kultur und Geschichte darauf finden.
Der oben gezeigte Glatzer Notgeldschein ist Teil einer Serie von 4 Scheinen mit unterschiedlicher Färbung und den Werten von 25 (blau und schwarz), 50 (grün und schwarz), 75 (gelb und schwarz) und 100 Pfennig (rot und schwarz).
Auf der Rückseite ist jeweils ein „Glatzer Volksliedlein“ in Mundart mit Noten und passenden Motiven abgebildet.
Dreiza, värza Schneider, die wieja fufza Pfond,
on wenn se doas nie wieja, do senn se nie gesond.
“Übersetzung”:
Deizehn, vierzehn Schneider, die wiegen fünfzehn Pfund,
und wenn sie das nicht wiegen, dann sind sie nicht gesund.
Schneider wurden früher gern als schwach und unmännlich verspottet. Im Gegensatz zu beispielsweise Bauern, Schmieden und Schreinern verrichteten Schneider eine körperlich wenig herausfordernde Arbeit und waren daher nicht so muskulös. Da sie wenig Geld verdienten, waren sie auch nicht einflussreich und infolge schmalerer Kost körperlich eher schlank. Darüber hinaus wurde das Schneiderhandwerk als Frauenarbeit angesehen. So bildeten sie eine ideale Zielscheibe für Spottlieder und -geschichten. Das bekannteste Beispiel ist das Märchen vom „Tapferen Schneiderlein“, in dem der Held der Geschichte durch Selbstüberschätzung und Gewitztheit erfolgreich Abenteuer besteht.

Gedruckt wurde der Notgeldschein von L. Schirmer in Glatz. Dort wurde z. B. ebenfalls das „Neuroder Kreis-Blatt“ und der „Guda Obend“-Heimatkalender hergestellt.

Quellen / Zum Weiterlesen:
Jörg Marx: Grafschafter Notgeld vor 50 Jahren, Grafschaft Glatzer Buchring Band 33, Verlag für heimatliches Schrifttum, Leimen/Heidelberg, 1971, S. 12ff
Werner H. Schmack: „Grafschaft Glatzer Notgeld 1914 – 1923“ in AGG Mitteilungen Nr. 14, S. 49ff


