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Die Affäre Blaustein

Auf dem Königlich Katholischen Gymnasium in Glatz wurden vorwiegend die Söhne von Gutsbesitzern, Offizieren, Ärzten, Lehrern, Beamten und Kaufleuten unterrichtet. Handwerkersöhne waren eine seltene Ausnahme. Nicht jeder konnte sich die Kosten für einen Schulbesuch und das meist anschließend folgende Studium an der Universität in Breslau leisten. Aber auch die Adelsfamilien der Grafschaft sind in den Jahrbüchern der Schule selten zu finden. Aufgrund der bei adeligen Personen oft großzügig vorhandenen Quellenlage, lohnt sich bei diesen Schülern eine Suche in den Kirchenbüchern und Zeitungen.

Wappen der Grafen Harbuval Chamare
Wappen der Grafen von Harbuval und Chamaré

Einer der Abiturienten im Abschlussjahr 1892 war der 22 Jahre alte Graf Johann Maria Pius Harbuval-Chamaré. Er hatte lediglich die letzten 2 3/4 Jahre auf dem Glatzer Gymnasium verbracht, 2 Jahre davon in der Prima. Sein Plan war es, Rechts- und Kameral-Wissenschaft zu studieren.

Die böhmische Familie von Harbuval-Chamaré war ein ursprünglich aus Flandern stammendes katholisches Adelsgeschlecht, das heute im Mannesstamm erloschen ist.

Pius wurde am 15. Februar 1870 in Breslau geboren und entstammte der böhmischen Linie der Familie. Sein Vater war der Rittergutsbesitzer Johann Nepomuk Anton Gotthard Graf von Harbuval-Chamaré (1834-1895).

Die Mutter Therese war eine geborene Gräfin von Schlabrendorf (1847-1898). Das Paar hatte insgesamt 8 Kinder (6 Söhne und zwei Töchter), Pius war der Zweitälteste.

Als der Vater 1895 bei der Gemsenjagd im Salzburgischen einen Herzinfarkt erlitt und kurz darauf starb, erhielt Pius ein umfangreiches Erbe. Er war nun Herr auf Kunzendorf an der Biele mit Heinzendorf, Ober-Ullersdorf, Weißwasser, Martinsberg, Winkeldorf und Wolmsdorf.

Im Gegensatz zu seinem Vater interessierte sich der Königlich preußischer Leutnant der Reserve des Husarenregiments „Graf Goetzen“ (2. Schlesisches) Nr. 6 anscheinend nicht so sehr für die Familientradition oder dessen politisches und gesellschaftliches Engagement. Sein Focus lag auf edlen Pferden und schnellen Automobilen. Sein gesellschaftliches Engagement fand eher bei Veranstaltungen nach Sonnenuntergang statt und man sagte ihm einen „flotten Lebenswandel“ nach. So lernte er während dem Wiener Karneval die Sängerin und Schauspielerin Wanda Blaustein kennen und verliebte sich Hals über Kopf in die hübsche junge Frau.

Diese war vor ihrem Engagement beim Chorpersonal am Theater an der Wien (ab ca. 1898) in Czernowitz aufgetreten. Im Jahr 1901 erschien in einer Zeitung die Kritik: „Eine junge Wienerin, Fräulein Wanda Blaustein, hat im Teatro Mercadante in Neapel die Margarethe im „Faust“ mit hübschem Erfolg gesungen. Aber im Allgemeinen lautete das Urteil sie würde „kleinere Gesangspartien mit Geschick und Anmut“ meistern.

Schon bald bezogen Pius und Wanda gemeinsam eine luxuriöse Mietwohnung in der Marokkanergasse 11 in Wien. Wanda zog sich von der Bühne zurück, lehnte aber angeblich die wiederholten Heiratsanträge des Grafen ab. Das skandalöse Zusammenleben der beiden wird der Familie ein Dorn im Auge gewesen sein. Nichts sprach für diese Verbindung mit einer praktisch unbekannten bürgerlichen Schauspielerin – weder ohne und schon gar nicht mit Trauschein.

Zeitungsskizze Pius und Wanda
Graf Pius und Wanda, Illustrirtes Wiener Extrablatt, 15. März 1907

Wanda fuhr mit ihrer Kammerzofe jährlich meist in Begleitung von ihrer Mutter oder einer Cousine zur Kur nach Karlsbad, Franzensbad oder Bad Ischl. Sie wurde als Opernsängerin oder Madame in den „Curlisten“ aufgeführt.

Am 22.10.1903 kam es zu einer dramatischen Wendung. Graf Pius bestellte von Paris kommend seinen Chauffeur nach Cannstatt, wo er ein Automobil abholen wollte. Allerdings steuerte er dann den neu gekauften Wagen doch lieber selbst. Bei Ulm kam es bei überhöhter Geschwindigkeit zu einem folgenschweren Unfall. In einer Kurve kam der Graf von der Straße ab und fuhr in einen Graben. Während der Wagen nicht mehr fahrbereit war und in die Fabrik zurückgebracht werden musste, erlitten Chauffeur und Graf scheinbar nur leichte Blessuren.

Heimgekehrt in die Wiener Marokkanergasse musste jedoch nach einigen Tagen ein Arzt gerufen werden, der einen Bruch des linken Armes feststellte. Dazu kamen Kopfschmerzen, Übelkeit und Bewusstseinsstörungen, die Schlimmeres vermuten ließen. Man brachte den Patienten ins Sanatorium Löw, das größte und nobelste Privatsanatorium Wiens, wo man zusätzlich einen Schädelbruch diagnostizierte.

Sanatorium Löw in Wien um 1906
Sanatorium Löw um 1906 (Quelle: Wikipedia)

Wanda und sein Kammerdiener wichen nicht mehr vom Krankenbett. Da sich der Zustand des Kranken immer weiter verschlechterte, entschied er sich dazu, sein Testament mündlich vor Zeugen darzulegen. Pius setzte darin seine Braut als Universalerbin ein. Drei Tage danach wurden noch einmal Zeugen ins Krankenzimmer gerufen. Sie sollten als Trauzeugen fungieren.

Unter der Nummer 128 des Trauungsbuches ist am 10.11.1903 vermerkt:

Der Gutsbesitzer Graf Chamaré, Johann Maria Pius Georg Alfred, geboren am 15. Feber 1870 zu Breslau, Tauentzienplatz Nr. 4, schließt die Ehe mit

Franziska Wanda Jadwiga Blaustein, Private, geboren am 11.08.1879 zu Tarnopol in Galizien, eheliche Tochter des Kaufmanns David Blaustein in Tarnopol und der Rosa geb. Schmal, beide israel. Religion. Wanda wurde vermutlich am 17.06.1899 in der Karlskirche getauft.

Zwei Tage nach der Trauung, am 12.11.1903, starb Graf Johann Maria Pius Harbuval-Chamaré an den Folgen der beim Autounfall erlittenen Verletzungen. Der Sarg wurde nach Kunzendorf überführt, um in der Familiengruft beigesetzt zu werden. Die Familie erfuhr von dem Vorhandensein einer trauernden Witwe aus der Zeitung.

Die Geschwister fochten umgehend das Testament an und forderten die Annullierung der Ehe. In Wien und in der Grafschaft begann die Gerüchteküche zu brodeln, der Fall erregte großes Aufsehen, auch in der nationalen und internationalen Presse. Der Rechtsstreit dauerte Jahre und ging über mehrere Instanzen.

Eintragung Wanda Harbuval-Chamaré im Einwohnerbuch
Eintragung Gräfin Wanda von Harbuval-Chamaré im Einwohnerbuch Wiens nach 1903.

Am Ende wurde die Ehe durch Entscheidung des Reichsgerichts Leipzig am 30.1.1908 aufgelöst und auch das Testament wurde für ungültig erklärt.

Ihr Anwalt und weitere Gläubiger versuchten vergeblich auf dem Gerichtsweg an ihr Honorar zu kommen. Im März 1908 fand eine Gläubigerversammlung wegen des Konkurses der Wanda Blaustein statt. Wanda nutze den Namen Harbuval-Chamaré aber scheinbar weiterhin. Ihr Aufenthaltsort war jedoch völlig unbekannt, obwohl der unveränderte Eintrag bis 1910 im Wohnungsanzeiger zu finden war.

Das beträchtliche Vermögen von ca. 7 Millionen Mark ging an die Familie zurück. Der jüngere Bruder Stanislaus erhielt nun Kunzendorf, dieser starb jedoch schon im Sommer 1910 an Scharlach. Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen wurde Kunzendorf 1916 schließlich verkauft.

Anmerkung:

Eine hölzerne Tür im Schloss Kunzendorf (heute ein Hotel) zeigt das geschnitzte Jugendstil-Flachrelief eines Frauenkopfes, das nach Motiven des tschechischen Künstlers Alfons Mucha gestaltet wurde und die damalige Schlossherrin Gräfin Wanda von Harbuval-Chamaré darstellen soll. Es zeigt die typischen fließenden Haarsträhnen und florale Elemente.

Quellen:

ANNO, Illustrierte Wochenpost, 1932-09-16, Seite 5
Der Oberschlesische Wanderer, 1904, Jg. 77, No. 299 – Śląska Biblioteka Cyfrowa
ANNO, Das interessante Blatt, 1907-03-21, Seite 11
ANNO, Neues Wiener Journal, 1908-04-28, Seite 8
und diverse andere Zeitungsartikel
Paul Klemenz: Beiträge zur Geschichte des Dorfes Kunzendorf bei Landeck, 1943
wienbibliothek / Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger : nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k.k. Reichshaupt- u. Residenzstadt Wien u. Umgebung

Lesenswert:

Das Sanatorium Dr. Anton Loew

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