
Während unserer Jubiläumsreise im Juni erkundeten wir für ein paar Stunden allein oder in kleinen Gruppen die Breslauer Innenstadt rund um das berühmte Rathaus.
Mehr oder weniger versteckt, sieht man überall bronzene Zwerge vor Häusern oder auf Fensterbänken sitzen. Sie verstecken sich in Hauseingängen, an Fassaden oder klammern sich an Laternenpfählen fest.
Ihren Ursprung haben die kleinen Figuren in den Aktivitäten der „Orangenen Alternative“, einer oppositionellen Gruppierung aus den 1980er Jahren. Die damalige kommunistische Staatsführung ließ regierungskritische Parolen der Solidarnosc-Bewegung an Hauswänden übermalen. Die Aktivisten reagierten darauf, indem sie über die frisch aufgetragene Farbe Zwerge malten, die sich zu einem Symbol des Widerstandes entwickelten.
Am 1. Juni 1988 zog der berühmte „Marsch der Zwerge“ als friedlicher Protest durch die Straßen von Breslau. Mehrere tausend Menschen, bekleidet mit orangefarbenen Zipfelmützen und Zwergenkostümen, nahmen daran teil. Sie forderten die Befreiung aller Zwerge und machten sich lustig über das Regime und die Absurditäten der Zensur.

Daran anknüpfend stellten im Jahr 2001 Studenten der Kunsthochschule in einem Projekt die ersten Zwergenskulpturen in der Stadt auf. In den nächsten Jahren kamen weitere Zwerge dazu. Nun hatten sie allerdings keinen politischen Hintergrund mehr, sondern waren eine Marketing-Idee.
Die Figuren entwickelten sich allmählich zu einem Anziehungspunkt für Touristen. Kleine Geschäfte der Innenstadt, Restaurants, Museen, Hotels, Großunternehmen und private Organisationen ließen stetig neue aufstellen. Es gibt inzwischen mehrere Künstler, die im Auftrag arbeiten. Man benötigt lediglich die Erlaubnis des Grundstückseigentümers um einen neuen Zwerg aufzustellen. Eine Genehmigung durch die Stadt ist wohl nicht notwendig. Pro Skulptur muss man laut Informationen von Webseiten mindestens 2.500€ Euro investieren.
Mittlerweile gibt es über 1.000 Zwerge im Stadtgebiet.
Man kann entweder gezielt zu ausgewählten Zwergen spazieren gehen oder sich mit Hilfe einer Handy-App von Figur zu Figur leiten lassen. Per Foto bestätigt man dann die gefundenen Zwerge und steigt in einer Online-Rangliste auf.
Beliebt bei Familien mit Kindern sind Zwergen-Suchkarten mit bunten Aufklebern. Ein Spaziergang zu den 10-15 beliebtesten Zwergen dauert ca. 1,5 bis 2 Stunden. Um alle Figuren zu finden, benötigt man vermutlich mehrere Tage oder Wochen.

Im September fand in Breslau schon mehrfach das „Festival der Zwerge“ statt, um die Miniatur-Sehenswürdigkeiten zu feiern. Das Festival beginnt immer mit dem Umzug der Kinder, die als Zwerge verkleidet sind. Bei diversen Kreativ-Wettbewerben gibt es Preise zu gewinnen. Diverse Familienattraktionen, Workshops, Musik und Theateraufführungen runden die Veranstaltung ab.
Inzwischen gibt es Zwerge auch außerhalb von Breslau, z. B. in Deutschland. Wer Zwerge sehen möchte, muss nun nicht mehr nach Polen fahren. Breslaureisende aus dem Ort Hitzacker, Landkreis Lüchow-Dannenberg, hatten die Idee mit nach Hause genommen. Der Sage nach lebten dort in früheren Zeiten gutmütige Zwerge, die den Bürgern der Stadt halfen. Heute zählt die bronzene Zwergenpopulation schon über 50 Individuen.
Weitere Zwerge finden sich in Städten in Polen, Litauen, Island, Tschechien, USA, Mexiko und der Ukraine.
Die Idee, Figuren im Stadtgebiet aufzustellen, wurde aufgegriffen und neu interpretiert. In Hirschberg (Jelenia Góra) stehen beispielsweise kleine Hirsche.
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