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Die Zwergenhochzeit im Florianiberge

Holzschnitt Zwergenhochzeit
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Verlag von Georg Wiegand, Leipzig. (1853), Teile eines Holzschnitts nach einer Zeichnung von A. Ehrhardt. Seite 526

In mehreren alten Sagen-Büchern findet man die folgende Geschichte:

Zwei alte Männer, die bei der Invalidenkompagnie in Habelschwerdt standen, wussten, dass von der ehemaligen Vogtei nach dem gegenüberliegenden Florianiberge ein unterirdischer Gang führte. Sie beschlossen, ihn heimlich zu untersuchen und hofften darauf, dort Schätze zu finden.

So schlichen sie in das Innere der Erde. Das Fortkommen war sehr mühselig, denn Teile des Ganges waren eingestürzt. Sie mussten Felsbrocken beiseite räumen und manchmal auf Händen und Knien weiter kriechen. Als sie schon weit in den Berg vorgedrungen waren, da hörten sie eine liebliche Musik.

Der Gang öffnete sich zu einem großen Saal. Die beiden Männer erblickten die Musikanten, ein Zwergenbrautpaar und eine große Schaar Hochzeitsgäste. Ein hochbetagtes Männlein schien gerade die Trauung vorzunehmen. Die Gäste trugen goldene Grubenlampen, deren flackernder Schein die Wände des Saales funkeln und glitzern ließ, als seien sie aus Diamanten erbaut.

Plötzlich hallte ein gewaltiges „Hatschi!“ durch die unterirdische Halle – Einer der beiden Invaliden hatte geniest. „Menschen! Menschen!“ schrien die erschrockenen Zwerge durcheinander, bliesen die Lichter in ihren Laternen aus und huschten davon. Auch die Laternen der beiden Männer waren erloschen und sie mussten den Rückweg bei völliger Dunkelheit zurückfinden.

Heute gibt es keine Zwerge mehr im Florianiberg, sie haben sich weit ins Gebirge zurückgezogen.

Malerwinkel Habelschwerdt
Malerwinkel Habelschwerdt (KI generierte Zeichnung)

Ab 1742 waren tatsächlich Invaliden der Preußischen Armee in Habelschwerdt stationiert. Bis 1806 war es die 4. Kompagnie des Schlesischen Invaliden-Korps (Altpreußische Armee) und von 1808 bis 1819 Teile der 11. Invaliden-Kompagnie (1. Schles.) der Neupreußischen Armee.

Auch die “Habelscherdter Unterwelt” existiert und wurde ca. 2000 wiederentdeckt. In der ursprünglich vor dem 30jährigen Krieg erbauten Wolf-Schmiede auf der Glatzer Straße (früher Nr. 20 heute Ul. Stefana Okrzei Nr. 45) befinden sich laut den Erzählungen ehemaliger Bewohner mehrere Kellergewölbe.

Auch im Nachbarhaus in Richtung Ring existierten drei oder vier Keller untereinander. Der Zugang wurde wegen der Kinder verschlossen bzw. zugeschüttet.

Keller
Keller in der Bibliothek Ul. Okrzei (Glatzer Str.)

Die heutige Stadtbibliothek befindet sich ebenfalls in der derselben Straße. Die dort gelegenen mehrstöckigen Kellerräume wurden in den letzten Jahren wieder hergerichtet, genauso wie die großen Keller hinter dem unteren Ring und der Stadtmauer, die zu der ehemaligen Brauerei Kastner gehören, bzw. die bis in die 1960er Jahre als Stadtgefängnis genutzt wurden. Diese „unterirdische Touristenroute“ kann heute besichtigt werden. Von Gängen ist dort allerdings nichts bekannt, bisher wurden nur Keller entdeckt.

Ehemaliges Stadtgefängnis Habelschwerdt
Ein Gang des ehemaligen Stadtgefängnisses mit den Gittertüren zu den Zellen.
Blick in eine Zelle im ehemaligen Stadtgefängnis
Blick in eine Zelle des ehemaligen Habelschwerdter Stadtgefängnisses.
Felsboden in einem der Kellerräume
Felsboden in einem der Kellerräume im ehemaligen Gefängnis zwischen dem unteren Ring und der Stadtmauer.
Ehem. Brauereikeller neben Stadtgefängnis
Ehem. Brauereikeller neben dem Stadtgefängnis.
Ehem. Brauereikeller
Im ehemaligen Brauereikeller
Ausstellung Wolf-Schmiede Ul. Okrzei (Glatzer Str.)
Ausstellung über die Wolf-Schmiede Ul. Okrzei (Glatzer Str.) in einem der Räume.

Unter dem Haus Ring 16, dem ehemaligen Hotel „Deutsches Haus“ und im Nachbarhaus Nr. 17 gab es umfangreiche Kellergewölbe, aber die Nachfahren der früheren Eigentümer erzählten, es gäbe aus alter Zeit Gänge zur Vogtei und vom Pfarrhof zum Ring und zum Florianberg außerhalb der Stadtmauern.

Kinder, die früher im Haus Ring 25 lebten, berichteten von einem Gang, der im Keller seinen Anfang nahm und so lang war, dass er wahrscheinlich bis vor die Stadt führte. Zu zweit erkundeten die beiden Jungen ca. 1925 den langen Tunnel bis zu der Stelle, an der die Wände eingestürzt waren. Einmal glaubten sie, rauschendes Wasser zu hören und dachten, sie würden unter der Neisse hindurchgehen. Im Gang fanden sie ein Holzpferdchen, dass sehr alt aussah. Als der Vater von ihren heimlichen Expeditionen in die Unterwelt erfuhr, ließ er den Eingang versperren. 1945/46 versteckten sich dort die Frauen des Hauses während der nächtlichen Plünderungen.

Wir danken Herrn Heribert Wolf von der Heimatgruppe Habelschwerdt für die interessanten Informationen, sowie die Bereitstellung der Fotos und die freundliche Genehmigung, diese zeigen zu dürfen.

An dieser Stelle sei auch auf den sehr lesenswerten Beitrag zur Geschichte der Habelschwerdter Wolf-Schmiede in den online verfügbaren AGG Mitteilungen 2018 hingewiesen (ab Seite 49).

Quellen:

Eichblatts Deutscher Sagenschatz, Band 4: Sagen aus Schlesien (Mit Einschluß Österreich-Schlesiens), gesammelt und herausgegeben von Prof. Dr. Richard Kühnau, 2. Auflage, Hermann Eichblatt Verlag Leipzig (1925), Seite 86 ff.

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Verlag von Georg Wiegand, Leipzig. (1853), Teile eines Holzschnitts nach einer Zeichnung von A. Ehrhardt. Seite 526

Werner Taubitz: Habelschwerdt und die Habelschwerdter im 20. Jahrhundert – Chronik einer schlesischen Kreisstadt. Verlag Zentralstelle Grafschaft Glatz/Schlesien e. V. (1995), Seite 27 f.

Eröffnung der Ausstellung „Wolf-Schmiede” in der Habelschwerdter Unterwelt « Grafschaft Glatz (Schlesien)

Podziemna Trasa Turystyczna w Bystrzycy Kłodzkiej – Wikipedia, wolna encyklopedia abgerufen am 27.01.2026

Podziemna Trasa Turystyczna w Bystrzycy Kłodzkiej już otwarta (Youtube-Video, polnisch)

Auskünfte von ehemaligen Einwohnern

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