Am 24. Juni 1859 starb der Autor des von Familienforschern oft zitierten statistisch-topographischen Standardwerkes über Schlesien im Alter von 65 Jahren am Lungenschlage.
Wenn ein Buch fast 200 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer genutzt und wertgeschätzt wird, lohnt sich ein Blick auf den Autor und seine ganz erstaunlichen Lebensumstände.
Johann Georg Knie wurde am 13. Januar 1794 in Erfurt geboren. Sein aus Wien stammender Vater Johann Knie hatte als Wundarzt im Siebenjährigen Krieg im österreichischen Heer gedient. Danach verdiente er seinen Lebensunterhalt als reisender Zahnarzt.
Johann Georgs um zehn Jahre älterer Halbbruder aus der ersten Ehe seines Vaters war Friedrich Knie, der spätere Zirkusdirektor und Begründer der bekannten Zirkus-Dynastie.
Seine ersten drei Lebensjahre verbrachte er bei der mütterlichen Großmutter in Erfurt. Nach ihrem Tod reiste er mit seinen Eltern von Ort zu Ort. In Dresden erkrankte er im Alter von zehn Jahren an den Blattern und erblindete. Seine Eltern beschlossen, ihm eine solide Schuldbildung zu ermöglichen und gaben daher das Reisen auf. In Mannheim besuchte er die Schule. Eines der ersten Hilfsmittel für den erblindeten Jungen war eine Karte von Deutschland, die er mit den Fingerspitzen ertasten konnte. Die Flüsse waren aufgestickt, die Städte durch Knötchenstickerei markiert.
Ab Dezember 1809 konnte er durch die Vermittlung seines Schwagers die Königliche Blindenanstalt in Berlin besuchen, wo er sich mit großem Fleiß lernte und einen beeindruckenden Grad an Selbständigkeit erlangte.
Da er den Wunsch hatte, Blindenlehrer zu werden, besuchte er nach der Reifeprüfung 1815 die Universität in Breslau. Mehrere Stipendien ermöglichten ihm das teure Studium der Fächer Geschichte, Mathematik, Geographie, usw.. Er hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis, daher fiel es ihm leicht, Sprachen zu lernen.
Nach seinem Abschluss im Herbst 1818 wurde über eine Zeitspanne von vier Jahrzehnten Leiter des neu gegründeten Blindeninstitutes in Breslau. Am 1. Februar 1819 begann der Unterricht. Dort fanden sowohl blinde Kinder Aufnahme, als auch durch Kampfhandlungen erblindete Soldaten. Es war sicherlich nicht leicht, diese sehr inhomogene Schülergruppe zu unterrichten. Dazu kam, dass die blinden Kinder bis zu ihrem Eintritt in die Schule im Alter von ca. 12 Jahren oft keinerlei Bildung erhalten hatten. Die Schüler sollten neben dem Schulunterricht zusätzlich eine Handarbeit, wie z. B. das Korbflechten oder Bürstenmachen, erlernen, um sich ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Knie etablierte viele Hilfsmittel und erfand neue Maschinen.

Kurz nach Beginn seiner Lehrtätigkeit heiratete Knie. Von den drei Töchtern starben zwei im Kindesalter.
Knie schrieb mehrere Bücher, unter anderem auch über seine im Sommer 1835 ganz allein unternommene Reise. Innerhalb von dreieinhalb Monaten besuchte er die Städte Dresden, Prag, Wien, Linz, München Augsburg, Stuttgart, Frankfurt am Main, Weimar, Jena, Halle und Berlin. Besonders wichtig war ihm der Besuch der Blindenanstalten.
Wenn man die vorherrschenden Bedingungen zu dieser Zeit bedenkt, kann man über diese Leistung nur staunen. Selbst für Sehende wäre diese Reise anstrengend und mit großem Organisationsaufwand verbunden gewesen. Das Wort „Barrierefreiheit“ kam erst 150 Jahre später in den Sprachgebrauch.
Er übersetzte einige der Veröffentlichungen über Blinde ins Deutsche und versah sie mit Kommentaren. Dabei ließ er sich z. B. französische Texte vorlesen und diktierte dann die Übersetzung.
Zwei Tage nach seinem Tod erschien ein Nekrolog in der Morgenausgabe der Breslauer Zeitung mit einer Würdigung seines Lebens. Darin nimmt die Erwähnung seiner Veröffentlichungen nur zwei Absätze ein.
Seine Lebensleistung besteht hauptsächlich darin, für hunderte Blinde in Schlesien eine Zukunftsperspektive geschaffen zu haben.

Quellen:
Breslauer Zeitung, Nr. 341, Morgenausgabe, 26. Juli 1859, Seite 1722
Einige Veröffentlichungen:
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